barbazza.wine
Jede Weingut-Website folgt demselben Drehbuch. Barbazza hatte etwas, das kein Drehbuch vorsieht: ein Archiv mit fünf Jahrhunderten Papieren — und eine neue Generation, die daraus bereits eine Marke gebaut hatte. Fehlte die Website, die dem gewachsen ist.
Es gibt viele Weingüter, die 500 Jahre alt sind. Es gibt sehr wenige, die die Papiere noch haben.
Man kennt die Website eines Weinguts, bevor man sie öffnet: der Drohnenflug über die Rebzeilen zur goldenen Stunde, die Terroir-Karte mit Böden und Mikroklima, der Barrique-Keller im Halbdunkel, die Flaschen-Galerie, unten das Formular für die Degustation. Das Drehbuch hat sich bewährt, von Napa bis in die Toskana — es funktioniert, weil es die Fragen des Käufers in der richtigen Reihenfolge beantwortet: Wo bin ich? Was wächst hier? Wer macht das? Wie komme ich an den Wein? Wer es beherrscht, spielt es. Barbazza spielt es auch: Der Hero ist der Flug über Smokvica, die Weine stehen auf der Seite, die Degustation ist buchbar.
Das Besondere beginnt davor. Die neue Generation hatte die Marke bereits neu aufgebaut — nicht mit einer Agentur-Identität, sondern aus dem eigenen Archiv: Die Wortmarke ist die Signatur eines Vorfahren von 1759, das Zeichen das Notarssiegel von 1753. Beides stand auf den Flaschen, bevor wir dazukamen. Dieses Rebranding ist die Leistung des Hauses. Unsere Aufgabe war die Website, die ihm gewachsen ist.
Dahinter die Schublade: Urkunden von 1530 bis 1759, fünf Jahrhunderte Familienpapiere, 500 MB eigene Fotografie. Beauftragt: die Website zu diesem Rebranding — in vier Sprachen, mit den Systemen dahinter.
Das Drehbuch ist die Pflicht. Das Archiv ist die Kür.
Die Pflicht muss sitzen: der Flug über Dorf und Reben, der Keller, die Weine, die Degustation zum Buchen. Ein Weingut, dessen Website das Genre nicht beherrscht, verliert den Besucher vor dem ersten Satz. Diese Ebene haben wir gebaut, wie man sie baut.
Die Kür beginnt bei der Identität: Die Marke der neuen Generation kommt aus dem Archiv — also musste die Typografie dorthin folgen. Eine Schrift aus der Zeit der Dokumente: Founders Caslon, so alt wie die Urkunden, auf denen die Marke steht.
Nur: Eine Schrift aus dem 18. Jahrhundert kennt die kroatischen Sonderzeichen č, ć, š, ž nicht, weil sie erst hundert Jahre später erfunden wurden. Schrift verbiegen oder Sprache opfern — beides hätte die Echtheit gekostet, auf der die Marke steht.
Das beste Detail des Projekts war zuerst sein grösstes Problem.
Čakavisch, die Sprache der dalmatinischen Inseln wie auch Korčulas — in der Schreibung von damals, in den Headlines. Standard-Kroatisch (Štokavisch) im Fliesstext, damit auch ein Besucher aus Zagreb die Seite versteht. So schreibt die Seite den Familiennamen, wie er in den alten Registern steht: Tomasich.
Dabei verhält sich Čakavisch zum Štokavischen wie Schwiizerdütsch zum Hochdeutsch — für einen Kroaten ungewöhnlich, aber nicht ganz unverständlich, denn bis zum 18. Jahrhundert schrieben kroatische Dichter und Denker in Čakavisch. Erst mit dem Fall der venezianischen Republik wechselte das Kroatische zum Štokavischen, dem Festland-Kroatisch.
Um den deutschen, englischen und italienischen Besuchern nichts vorzuenthalten, sind auch ihre Headlines in der Sprache und Orthographie des 18. Jahrhunderts geschrieben. Das Italienische ist das Italienische der venezianischen Republik, wie es in den Dokumenten steht.
Drei Seiten, zwei Genres — ein Ziel.
Die Startseite verkauft. Eine Anzeigetafel mit Artikeln: Behauptungen oben, die Belege als Fussnoten darunter, die Weine, die Degustation zum Buchen. «Drey Dinge sagen wir von uns selbst. Alle sind wahr. Alle ein wenig lächerlich.» — und jede Behauptung trägt ihre Quittung.
Die Geschichte beweist. Eine Chronik mit neun datierten Stationen von 1530 bis 2000 — die Urkunden fotografiert, nicht nacherzählt. Wer der Startseite nicht glaubt, findet hier die Papiere.
Der Keller wirbt. Keine Produktseite, sondern ein Brief: Mladen schreibt dem Besucher von dem einen Raum, den man nicht verschicken kann. Seine Handschrift steht über echten Fotografien und schreibt sich beim Scrollen — im Tempo des Lesers.
Und mitten auf der Kellerseite hängt die Marke an ihrer Quelle: der eiserne Schlüssel, der die Tür öffnet, neben dem gedruckten, der auf jeder Flasche steht. Die Seite sagt es selbst: «Wir haben kein Logo in Auftrag gegeben. Wir haben um das gezeichnet, was die Tür verschliesst.»
Der Brief endet mit einem Satz, den kein Formular der Welt ersetzt — und einem einzigen Knopf.
Hinter dem Auftritt läuft das Geschäft: Die Degustations-Anfrage ist in jeder der vier Sprachen drei Felder weit. Anfragen landen geordnet im Postfach des Weinguts — auch während im Keller gearbeitet wird. Und die Weinkarten tragen, was ein Sommelier braucht: Jahrgang, Alkohol, Serviertemperatur.
Elite-Weingüter behaupten Herkunft. Barbazza dokumentiert sie — mit Quittungen in den Fussnoten.
Er hatte alles. Seit Jahren. Fünf Jahrhunderte Papiere, 500 MB Fotografie, die Marke schon auf den Flaschen. Es fehlte die Website, die dem gewachsen ist.
Und was liegt in Ihrer Schublade?